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Der Nil – ausserhalb der Zeit
Eine Nilkreuzfahrt ist die ideale Möglichkeit, auf erholsame Weise die Kultur Ägyptens kennen zu lernen. Teil davon ist das Leben am und auf dem Fluss.
Das Auge will einfach nicht genug bekommen. Sattgrün leuchtet das Gras am Ufer, dahinter recken sich Palmen in die Höhe, die trotz ihrer schlanken Grösse klein erscheinen vor den ockerfarbenen Bergen. Es ist nur ein ganz schmaler Streifen fruchtbares Land auf jeder Seite des Flusses, der die Wüste vom kostbaren Nass trennt, und doch gibt es so viel zu beobachten. Ochsen stampfen durch die sumpfige Graslandschaft und suchen sich die besten Gräser, einer lässt sich wohlig im hüfthohen Schlamm nieder.
Wenige Meter flussabwärts planschen Kinder im Wasser und geben sich tollkühnen Spielen mit improvisierten Surfbrettern aus Palmenrinde hin. Plötzlich halten sie inne – und winken. Sie haben unser Schiff erblickt und schreien uns unverständliche Grussworte zu. Schnell aber sind die Wasserspiele wieder wichtiger. Die Gruppe bunt gewandeter Frauen, die ihre Wäsche im Fluss wäscht, würdigt und ebenfalls nur eines kurzen Blickes. Nicht erstaunlich. Jeden Tag kommen mehrere Dutzend solcher Hotelschiffe an ihrem Waschplatz vorbei, da nimmt das Interesse verständlicherweise ab.
«Rennstrecke» Assuan-Luxor. Mehr als 300 Hotelschiffe sind auf dem Nil unterwegs, die überwältigende Mehrheit davon ausschliesslich zwischen Assuan und Luxor – einer Strecke, die mit dem Auto theoretisch in vier Stunden zurück--gelegt werden könnte.
Mit dem Flussschiff dauert es drei bis vier Tage, und während wir auf dem Oberdeck sitzen und unsere Wangen von einem sanften Lufthauch streicheln lassen, wünschen wir uns, dass sie nie zu Ende gehen mögen. Als ob ein Geist
eines längst verstorbenen Pharaos sich unserem Wunsch erbarmt und ihm ein wenig Realität verleiht, scheint die Zeit dem Nil nicht ungleich dahinzugleiten, ganz so als ob sich Stunden, Minuten und Sekunden nicht darum scheren würden dass sie jeweils nur zu sechzigst ineinander passen.
Vielleicht liegt unser leicht entrücktes Zeitempfinden aber schlicht und ergreifend auch am Land selbst. Denn in Ägypten ticken die Uhren bekanntlich ein wenig anders. Das bekommen die kultur-interessierten Nilfahrer auch zu spüren, wenn sie sich anschicken, ein Relikt vergangener Hochkultur wie den erhabenen Doppeltempel von Kom Ombo zu besichtigen. Kaum von Bord werden wir von Händlern und selbsternannten Touristenführern belagert, die ihre Waren und Dienste mit Charme und Beharrlichkeit anpreisen, als gelte es die Einnahmen eines Jahres innert Minuten zu erwirtschaften. So treten wir von der Versonnenheit des Schiffes ins moderne ägyptische Geschäftsleben, nur um sogleich einen Zeitsprung von mehr als 3000 Jahren zu machen und mehr zu erfahren über den krokodilköpfigen Nilgott Sobek und Horus.
Tempel und Täler. Die Faszination, welche der Nil ausübt, ist fraglos begründet im Kontrast zwischen Alltagsleben an seinen Ufern und den imposantesten Zeugnisse der altägyptischen Kultur, die sich wie Perlen an ihm aufreihen. Der Tempel von Luxor, Karnak, die Täler der Könige und der Königinnen, Esna, Edfu und Kom Ombo, und schliesslich Assuan, «dem schönsten Fleck der Erde», wie Agha Khan meinte. Es sind Stätten, die den Besucher vor Ehrfurcht erstarren lassen und uns die Macht, das Wissen und die Grösse des antiken Ägyptens vor Augen führen. «Niemand, der den Nil nicht gesehen hat, kann ernsthaft von sich behaupten, die Welt bereist zu haben», heisst ein bekanntes Diktum. Wer einmal eine Nilfahrt gemacht hat, weiss, dass es stimmt.
Sara Marty
Dahabeyas – für königliche Nilfahrten
Neben Hotelschiffen mit 30 bis 70 Kabinen und drei bis fünf Sternen, gibt es noch einen anderen Bootstyp für Nilfahrten – zwar ohne Sterne, aber sehr exklusiv: Dahabeyas. Diese traditionellen Holzschiffe mit zwei charakteristischen Segeln in Dreiecksform waren einst die Schiffe der Könige und Adligen. Dahabeyas sind verhältnismässig klein – mehr als acht Kabinen hat keine – doch bieten Lounge und beschattetes Sonnendeck ausreichend Platz und Privatsphäre. Der Service ist auf Grund der kleinen Gäste- und grossen Angestelltenzahl sehr individuell und aufmerksam, das Essen hervorragend.
Sport oder Spa darf man an Bord einer Dahabeya nicht erwarten; das Ausflugprogramm steht im Mittelpunkt der Reise. Die Segelschiffe sind gemächlich unterwegs und haben vielfältige Anlandemöglichkeiten. Ein abendliches Picknick am Nilufer und beobachten wie die Fische nach Mücken springen und sich die Grau-reiher zur Nachtruhe zurückziehen? Das ist nur mit einer Dahabeya machbar. Ebenfalls ein Vorteil: An Anlegestellen, an denen bereits fünf, sechs Schiffe liegen, segelt die Dahabeya einfach vorbei, um einen ruhigen Platz anzusteuern.
