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Eine Oase der Superlative
Was ist von einem Schiff zu halten, auf dem sich maximal 8460 Menschen tummeln? Einiges – wie eine Testreise zeigte.
Küssnacht am Rigi Eigentlich wollte die amerikanische Reederei Royal Caribbean International (RCI) bloss ein Kreuzfahrtschiff bauen, das seinen Gästen noch mehr Möglichkeiten, noch mehr Vielfalt und eine noch grössere Auswahl an Bord bietet als andere Schiffe. «Wir haben rasch gemerkt, dass sich unsere Vision nur auf dem grössten je erbauten Cruiseliner umsetzten lässt», sagt Adam Goldstein, President und CEO von RCI, auf unserer Testreise beinahe entschuldigend. Das höchst erstaunliche Resultat, die Oasis of the Seas, ist ein spektakulärer Gigant der Meere, der maximal 6296 Gäste aufnehmen kann. Dazu kommen insgesamt 2164 Besatzungsmitglieder – die maximal 8460 Menschen entsprechen rund der Bevölkerung von Küssnacht am Rigi.
Unter freiem Himmel Sachte schwebt die rundum verglaste Rising Tide Bar von der Flaniermeile der Royal Promenade in die Höhe. Drei Decks und einen Martini später die Endstation Central Park: Eine lauschige Grünanlage unter freiem Himmel mit echten Blumen, Sträuchern und Bäumen. Ein Bummelweg mit ruhiger Pergola-Leseecke, Schachgarten und Skulpturen führt vorbei an eleganten Bars und Restaurants wie dem von der amerikanischen Spitzenköchin Keriann von Raesfeld geleiteten, exklusiven «150 Central Park». Wir wählen die unkomplizierte Variante und setzen uns vor dem Park Café in den Schatten eines Baumes und geniessen ein köstliches Roastbeef-Sandwich – ja, wir befinden uns auf einem Kreuzfahrtschiff.
Wenig später ist hinten auf dem Boardwalk einiges los: Die Gonzalez-Familie aus Arizona testet den eigens für die Oasis of the Seas in Handarbeit gefertigte Nachbau eines traditionellen Holzkarussels. Stimmungsvolle Buden, kleine Läden und zwei, drei gemütliche Restaurants verströmen das nostalgische Jahrmarktsflair einer englischen Strandpromenade. Auch hier schweift der Blick in die Höhe: Wie der Central Park ist auch der Boardwalk ein beeindruckender, seitlich von Balkonkabinen gesäumter und nach oben offener Raum. Am Schiffsheck wird er von einem grossen Aquatheater abgeschlossen, wo abends Turmspringen und Wasserballet geboten wird; links und rechts kraxeln Mutige an hohen Kletterwänden.
Revolutionäre Bauweise Die eigentliche Innovation der Oasis of the Seas, so lassen wir uns erklären, ergibt sich aus ihrer aussergewöhnlichen Breite von 63 Metern. «Diese Breite hätte bei konventioneller Bauweise enorm viel Innenraum zur Folge – doch was soll man damit anfangen?», erläutert Tom Fecke, Schweiz/Deutschland-Chef der Reederei. Die Werft in Finnland hat deshalb eine revolutionäre Bauweise mit zwei seitlich über die gesamte Schiffslänge angelegten Kabinentrakts entwickelt. Das ergibt den in der Schiffsmitte nach oben offene Freiraum – ein Novum auf einem Cruiseliner. Und ebenfalls erstmals können so nebst Balkonkabinen mit Blick auf das Meer auch Balkonkabinen mit Blick nach innen auf den ruhigen Central Park oder den quirligen Boardwalk gebucht werden.
An Unterkunftsmöglichkeiten mangelt es auf der Oasis of the Seas jedenfalls nicht: Insgesamt 2706 Kabinen und Suiten gibt es, von der 17m2 grossen Standardkabine im guten 4-Sterne-plus-Standard bis zur überwältigenden 1061m2-Presidential Suite – inklusive Piano! Etwas ganz Besonderes hat man sich mit den neuartigen Loft-Suiten ausgedacht, die sich zuoberst auf Deck 17 und 18 über je zwei Etagen erstrecken und nebst einem einmaligen Raumerlebnis einen grossartigen Blick auf das Meer bieten – ein trendiger, urbaner Lifestyle, der das ganze Schiff prägt. Dazu gehören übrigens auch Werke der Schweizer Fotokünstlerin Liliane Eberle.
Sun, Action & Fun Oben auf Deck 15 und 16 spielt sich tagsüber auf See das Leben ab. Mittschiffs der Blick in den dominanten «Abgrund» auf den sieben Decks tiefer gelegenen Central – links und rechts davon die vier thematischen Badelandschaften: Der leicht abfallende Strandpool simuliert eine geruhsame Küstenszene, am grossen Hauptpool ist der Bär los, Kinder und Familien ziehen die verspielte H2O-Zone vor und im Sportspool ist ein Wasserballspiel im Gang. Ganz vorne, mit Rundumblick über die Weite des Meeres, die windgeschützte Oase des Solariums («nur für Erwachsene»). Wir lassen in einem der zwei spektakulären Sprudelbäder, die 45 Meter über Meeresspiegel über die Schiffswand hinausragen, die Seele baumeln – nur für Schwindelfreie!
Das riesige Tagesdeck lässt sich in knapp 15 Minuten umrunden – soviel zu den Dimensionen. Hinten liegt die Sports-Zone mit Tischtennis, Minigolf-Green, Basketball-Feld und den zwei Flowride-Surfanlagen: Die perfekte Welle wird auf der Oasis of the Seas auf Deck simuliert – das Spektakel zieht stets viele Schau-lustige an. Auch bei der Sports-Zone klafft in der Mitte des Decks der gewal-tige Freiraum mit spektakulärem Blick auf den über zwanzig Meter tiefer gele-genen Boardwalk. Mutige überqueren diesen Abgrund am dünnen Drahtseil einer ZipLine – richtig, es ist immer noch von einem Kreuzfahrtschiff die Rede.
Ein Massenprodukt? Die Frage brennt natürlich auf der Zunge: Kann man sich auf einem Schiff mit maximal 6296 Gästen überhaupt noch wohl fühlen oder ist man nur noch Teil einer Masse? «Diesem Eindruck wurde mit der Entwicklung verschiedener Lifestyle-Areale entgegen gewirkt», sagt Cruise-Direktor Ken. Er meint damit die beschriebenen Aufenthalts- und Erlebnis-«Welten» wie Central Park, Boardwalk oder Pool- und Sports Deck, die sich über das Schiff verteilen und je nach Interesse, Alter oder Tageszeit unterschiedliche Gästesegmente ansprechen. Auch ein Spa & Fitness Center gehört dazu (für unseren Geschmack allerdings etwas unmotiviert angelegt), eine grosszügige Youth Zone für Kinder und Jugendliche oder die Flanier- und Ausgehmeile der Royal Promenade. Unsere Erfahrung: Das Konzept geht auf. Die Menschenmengen verteilen sich in der Regel gut, und man fühlt sich kaum je beengt oder eingeschränkt – im Gegenteil: Die schiere Grösse der Oasis of the Seas bietet auch persönliche Freiräume und ruhige Ecken.
Nightlife Abends und nachts schlägt der Puls des Bordlebens auf der Royal Promenade. Wie in einer stimmungsvollen Gasse eines Ferienstädtchens reihen sich in diesem horizontalen Atrium elegante Shops an Bars, Clubs, Cafés oder die populäre Sorrento’s Pizzeria, wo es zu jeder Tageszeit ein Stück Pizza gegen den kleinen Hunger gibt.
Daneben stehen auf der Oasis of the Seas vom dreistöckigen Opus Dining Room über das unkomplizierte Self-Service-Restaurant bis zur Sushi-Bar über 20 Restaurants und Bistros zur Verfügung – Achtung: zum Teil muss ein Aufpreis bezahlt werden. Ein Deck tiefer liegt das Entertainment Deck mit Show Lounges, Casino und Zugang zum gewaltigen, für 1380 Gästen ausgelegten Opal Theater, wo mit «Hairspray» eine professionelle Broadway-Produktion geboten wird. Wir entscheiden uns für das Studio B mit seiner echten Eisrevue – wann gibt’s das sonst schon in der Karibik?
Der Landschaftsgärtner Zurück im Central Parkt wundern wir uns noch immer über die exotische Pflanzenpracht: Über 12´000 verschiedene Pflanzen wurden hier in rund 2000 Modulen von 48 Beeten gepflanzt; einige Bäume ragen bis zu zweieinhalb Meter hoch. «Ein ausgeklügeltes Bewässerungs- und Drainagesystem sowie eine mikroklimatische Kontrolltechnik sorgen für permanentes üppiges Grün», erklärt Chefgärtner John. Klar, nebst Schlittschuhläufern und Surflehrern gehören heute auch Landschaftsgärtner auf ein Kreuzfahrtschiff…
Beat Eichenberger
Wer es etwas technischer mag
Die Oasis of the Seas ist mit einer Tonnage von 225'280 BRZ vermessen (Brutto–registerzahl, definiert die Grösse eines Schiffs). Zum Vergleich: Die meisten modernen Cruiseliner liegen heute zwischen 80'000 und 150'000 BRZ. Auch die Seitenhöhe von 65 Metern, insgesamt 18 Passagierdecks, ist ein Rekordwert. Und mit einer Länge von 360 Metern übertrifft die Oasis of the Seas – auf den Bug gestellt – den Eiffelturm um einiges. Der Baupreis für den Gigaliner betrug übrigens 1,4 Milliarden US-Dollar.
Unterwegs in der Karibik
Die Oasis of the Seas verkehrt ganzjährig ab ihrem Heimathafen Port Everglades in Ft. Lauderdale (Florida) abwechselnd auf zwei einwöchigen Routen nach den Karibikinseln St. Thomas, St. Maarten und Nassau (Bahamas), resp. nach Costa Maya und Cozumel (beide Mexiko) und dem RCI-Privatstrand von Labadee auf Haiti. Vereinzelte Häfen mussten bauliche Massnahmen für den Empfang des neuen Gigaliners vornehmen, und in Jamaica wird in Falmouth gar eine neue Anlage gebaut. Auf der Werft in Finnland entsteht derzeit ein identisches Schwesterschiff: Die Allure of the Seas nimmt ihren Betrieb Ende Jahr auf und wird ebenfalls in der Karibik kreuzen. Ob einer der beiden Gigaliner je in Europa erlebt werden kann, ist noch offen.
