19.05.2012
Eine Publikation der Primus Verlag AG
 
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Die Er-Fahrung der Langsamkeit

Führerscheinfrei unterwegs mit dem Hausboot in der Lagune von Venedig – ideal zum Entdecken und Entschleunigen.

Der 30-PS-Diesel schiebt das zwölf Meter lange Hausboot mit maximal 11 km/h von der Charterbasis im Städtchen Casier aus tuckernd den Fluss Sile talwärts. Gelegentlich kreuzen Enten den Kurs und passieren knapp vor dem Bug. Nur selten zwingt ein entgegen-kommendes Boot zum Ausweichen. Nach der Schleuse bei Pontegrandi öffnet sich die weite Lagune von Venedig.

Am Vorabend war die kompetente und problemlose Einweisung in die Bootsbedienung an der Charterbasis von Le Boat, dem Vermieter, erfolgt. Dann ist die Crew auf dem Weg zum Abendessen. Geduckt unter hohen Bäumen und beschattet von hochrankenden Weinreben, ist das «La Tana dei Golosi» gefunden, wo Mamma bedient und Papa lecker kocht. 

Der nächste Tag führt Salzwiesen entlang zum Inselchen Mazzorbo, wo es reservierte Liegeplätze von Le Boat gibt. Der allabendliche Überfall der hungrigen Mücken dauert glücklicherweise nur eine halbe Stunde, während dieser der Skip-per (wer denn sonst!) verbissen versucht, Koteletts und Aubergine auf dem mitgebrachten Grill zu brutzeln. Als sich der Vollmond hinter dem schiefen Campa-nile von Burano in den Nachthimmel schiebt, ist das Werk gelungen.

Durch die Lagune «wandern». Die kommenden Tage bescheren der Crew zwischen Jesolo, Venedig, Lido, Chioggia und Murano intensives Er-Fahren wie sonst nie! An Bord des einfach zu manövrierenden Hausbootes bleibt dem Auge Zeit, sich in die Details am Weg zu verlieren. Vorbei geht’s an der Kulisse des Dogenpalastes, wo das Gewimmel der Vaporetti und Taxiboote unerträglich wird, zur Mündung der Brenta, an deren beschaulichen Ufern protzige Villen venezianischer Familien aufragen. Im Fischerort Chioggia wird das Boot zwar von den Bugwellen der eiligen Fischer geschaukelt, dafür birgt die Venedig-Schwester herrliche Architektur in engen Gassen und frischesten Fisch in preiswerten Trattorias. 

Auf Pellestrina leben und arbeiten die Muschelfischer – hier gibt es fangfrische Frutti di Mare an Tischen direkt am Liegeplatz. Die verstreuten Laguneninseln beherbergen historische Festungsruinen, ein Kloster auf Certosa, eine Bootswerft auf San Erasmo oder das Luxushotel San Clemente – ein abwechslungsreiches Besichtigungsprogramm. Die Lagune selbst ist die Attraktion mit ihrer weiten Wasserfläche, durchzogen von verschlungenen Wasserpfaden und gesprenkelt mit Salz-wiesen, auf denen sich Reiher, Enten und andere Vögel tummeln.

Geschichten und Begegnungen. Kleine Erlebnisse machen den Bootstrip einzigartig: «Ich hier arbeiten – you are on vacanza!», so begrüsst uns Oskar, der Schleusenwärter. «Entschuldigung!», ruft der Gemüsehändler dem Smutje noch über die Strasse nach und drückt ihm das versehentlich zu wenig zurückgegebene Wechselgeld in die Hand. Als der Skipper am Markt versucht, mit seinen wenigen Sprachbrocken zu brillieren, wird der mit italienischer Gestik geführte Plausch erst durch den nächsten zahl-ungswilligen Kunden beendet.

Solche Begegnungen wird der Schnelltourist, der sich hastig zwischen Campanile, Markusplatz, Tauben, Japanern, Seufzer- und Rialtobrücke durch Menge und Gassen schiebt, nie erleben – sie erst generieren die lebendigen Geschichten, die man leuchtenden Auges zu Hause gern erzählen wird. Die schiffbaren Wasserwege der sonst so flachen Lagune sind mit Dalbenreihen markiert und auch für Einsteiger gut erkennbar. Ein Bootsführerschein wird nicht verlangt, sodass Paare, Familien und Freunde solch ein Schiff mieten können.

Kinder freuen sich über Badestopps, über Spielplätze an Anlegestellen und die Möglichkeit, selbst das Steuer (unter Aufsicht!) zu übernehmen. Die Grossen faszinieren das zwanglose Bootsleben, die so andersartige Landschaft und die imposanten Bauwerke in Venedig selbst und auf den kleinen Inseln. 

Eine schwimmende Ferienwohnung. Ein Hausboot ist eine Ferienwohnung: mit Küche samt Mikrowelle, Klimaanlage, Bettwäsche, Handtüchern, zwei Bädern und zwei komfortablen Kabinen. Der Schiffer auf Zeit benötigt nur kleines Gepäck. Auf den verschiedenen Schiffstypen (9–15 m) finden bis zu zehn Gäste bequem Platz. Die bei Le Boat gebuchte Caprice kostet im Mai 2250 € pro Woche, zzgl. Treibstoff – kein Vergleich mit den Hotelkosten in Venedig! 

Fazit: Die Crew hatte eine entspannende Boots-Urlaubswoche. Es gab jede Menge zu sehen ohne lästiges Hotel-Hopping. Landschaft, Menschen und Erlebnisse wurden er-fahren in einem Tempo, bei dem der Geist den Eindrücken folgen konnte.

Managern, Müttern, Hektikern und gestressten Ärzten ist eine Hausboottour zum Entschleunigen, zum «Runterkommen» wärmstens empfohlen – da bleiben Alltag und Hektik schnell im blubbernden Kielwasser. 

Übrigens: Eines findet man auf dem Hausboot nicht: einen Geschwindigkeitsmesser – wozu auch?! 

Von Hans Mühlbauer

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